Mit über 2800 Ausstellern aus 56 Nationen hat die Achema, Leitmesse der Prozessindustrie, in Frankfurt ihre Tore geöffnet. In der Eröffnungspressekonferenz standen vor dem Hintergrund der derzeitigen wirtschaftlich herausfordernden Zeiten – vor allem in Deutschland – die Themen Nachhaltigkeit und internationale Zusammenarbeit im Mittelpunkt. Auf dem Podium wurde dabei kein Blatt vor den Mund genommen, was die Industrie vonseiten der Politik in Deutschland und Europa brauche.
Auf dem Podium stellten sich (v.l.) Dr. Wolfgang Große Entrup (Hauptgeschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie), Jürgen Nowicki (Vorsitzender des Achema-Ausschusses) und Dr. Klaus Schäfer (Vorsitzender der Dechema) den Fragen der Journalisten. Simone Angster (Head of Communication Dechema) moderierte die Pressekonferenz.
(Bild: Ernhofer / PROCESS)
Bei der Eröffnungspressekonferenz der Achema standen vor allem die Themen Internationalität und Innovationen im Mittelpunkt. Die Branchenexperten auf dem Podium betonten deren Bedeutung für das Erreichen der Klimaziele und die Bewältigung von Herausforderungen wie Versorgungssicherheit und stabile Lieferketten.
Der Hauptgeschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie, Dr. Wolfgang Große Entrup sieht trotz erster Signale einer konjunkturellen Erholung noch keine Trendwende: „Der Motor unserer Industrie läuft noch lange nicht rund. Gewinne erwirtschaften unsere Unternehmen vor allem im Ausland. Die Politik darf sich die Lage nicht schönreden, sondern muss die zum großen Teil hausgemachten Probleme wie überbordende Bürokratie, hohe Energiepreise und nachlassende Investitionsbereitschaft entschlossen anpacken.“
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Von der neuen EU-Kommission fordert Große Entrup einen industriepolitischen Neustart: „Wir brauchen die richtige Balance aus Ökologie, Ökonomie und Sozialem. Nur erfolgreiche Unternehmen können Arbeitsplätze erhalten und schaffen, Steuern zahlen und ökologische Ziele erreichen. Ein wirtschaftlich starkes Europa muss unser Ziel sein. Dann hat die EU auch politisches Gewicht. Und das wird zukünftig wichtiger denn je.“
Große Entrup betont die fünf, seiner Meinung nach, wichtigsten Punkte für eine erfolgreiche Industrie und deren Transformation:
Konkurrenzfähige Strompreise
Abbau bürokratischer Hürden
Green Deal durch Industrial Deal flankieren und unterstützen
Faire Steuerpolitik
Investitionen in Bildung, Sicherheit, Energie, Infrastruktur
Er ergänzt, dass bisher oftmals zu ideologisch an Transformationsthemen herangegangen wurde und brachte die Beispiele Wasserstoff und Stromnetze. „Wir brauchen weniger S-Klasse, mehr Golf“, meint der VCI-Geschäftsführer, der bringe einen auch an das Ziel, wenn auch nicht so luxuriös und schnell, wie man es sich manchmal wünsche. Statt für sehr viel Geld große Distanzen an Stromnetzen unterirdisch zu planen, müsse man eher günstiger und pragmatisch denken und überirdische Leitungen nicht kategorisch ausschließen. Ebenso sei der Fokus auf Grünen Wasserstoff zwar wünschenswert, aber in vielen Fällen müsse man sich dort erst über Zwischenstufen hin entwickeln, wie zum Beispiel die Produktion von blauem Wasserstoff.
Ambition, Vision und Realität zusammenbringen
Als Vorsitzender des Achema-Ausschusses unterstrich Jürgen Nowicki, dass Innovationen im Bereich des Apparate- und Anlagenbaus entscheidend seien, um die Prozessindustrie nachhaltiger zu gestalten: „Die Digitalisierung, Automatisierung oder neue Materialien bieten enorme Potenziale, um Ressourcen effizienter zu nutzen und Emissionen zu reduzieren. Die Einführung dieser Technologien erfordert jedoch erhebliche Investitionen und damit eine enge Zusammenarbeit zwischen Industrie, Forschung, Politik, aber auch dem Kapitalmarkt“. Wo dies nicht gelinge, scheine – trotz aller Fortschritte – die Dynamik beim Thema Nachhaltigkeit nachgelassen zu haben.
Man müsse Ambition, Vision und Realität der Transformation zusammenbringen. Manches müsse auch langsamer angegangen werden, um die Gesellschaft ins Boot zu holen sowie mitzunehmen und wirtschaftlich tragfähige Konzepte zu entwickeln. Dazu benötige es Realismus, was möglich sein und in welcher Zeit. „Der Weg zu einer nachhaltigen Produktion ist lange und steinig, und es darf kein Stillstand eintreten. Gerade jetzt, wo die Herausforderungen größer denn je sind, müssen wir den Umbau zu einer nachhaltigen Produktion konsequent weiter vorantreiben“, appellierte Nowicki.
Die Prozessindustrie habe sich in den letzten Jahrzehnten als ein Motor für Innovation erwiesen. Gerade deshalb sei sie sich ihrer Verantwortung bewusst, weiterhin bahnbrechende technologische Lösungen zu entwickeln. „Damit sowohl die Prozessindustrie als auch viele weitere auf unsere Expertise angewiesene Industrien den Weg in eine klimaneutrale Zukunft erfolgreich beschreiten können“, so Nowicki.
„Regelwerke sind voll mit Unsinn“
„Auch wir als Organisatoren der Achema wagen Innovationen – die sich auszahlen: Bei der letzten Achema haben wir erstmals den Kongress vollständig ins Messegeschehen integriert, was uns viel positives Feedback und hohe Besucherzahlen eingebracht hat“, betonte Dr. Klaus Schäfer, Vorsitzender der Dechema, die den Achema-Kongress mit verantwortet. Das Kongressprogramm sei hochkarätig und breit wie selten zuvor: In bis zu 25 parallelen Strängen warten über 900 Vorträge, Diskussionsrunden und Workshops von mehr als 1000 Referenten auf die Achema-Besucher. „Besonders hervorheben möchte ich, dass wir im Kongress einen Anstieg um 50 Prozent bei den ausländischen Referentinnen und Referenten verzeichnen – auch hier wird die Achema also deutlich internationaler“ so Schäfer.
Stand: 08.12.2025
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Aber nicht nur im Kongress und in der bewährten Ausstellung spiele das Thema Innovation eine zentrale Rolle: „Die Achema 2024 bietet jungen Unternehmen der Prozessindustrie und Existenzgründern mit der Start-up-Area erneut eine zentrale Anlaufstelle und leistet mit vielfältigen Angeboten für Young Professionals, Studierende und Schüler einen konkreten Beitrag, um dem Fachkräftemangel zu begegnen – der auch für unsere Branche zunehmend zur Herausforderung wird“
In der abschließenden Fragerunde kritisiert Schäfer ebenfalls die aktuellen politischen Rahmenbedingen für eine zügige Transformation der Branche. „Regelwerke sind voll mit Unsinn“, meint er und plädiert für den Abbau von Dogmen und gut gemeinter, aber schlecht gemachter Bürokratie.
Internationalität der Aussteller nimmt zu
Mit den sechs Innovationsthemen Process, Pharma, Green, Lab, Digital und Hydrogen, die sich sowohl in der Ausstellung als auch im Vortragsprogramm wiederfinden, nimmt die Achema die zentralen Herausforderungen, die die Prozessindustrie heute und in den kommenden Jahren bewegen, in den Fokus. Noch bis zum 14. Juni zeigen Hersteller von Laborausrüstung und verfahrenstechnischen Komponenten, Anlagenbauer, Automatisierer und Werkstoffentwickler ihre neuesten Produkte und Verfahren. Fast zwei Drittel (63 %) der Aussteller kommen aus dem Ausland. Damit sei die Achema 2024 so international wie nie zuvor. Einen großen Beitrag dazu leisten Aussteller aus dem asiatischen Raum: Nachdem bereits zur Veranstaltung 2022 die Anzahl indischer Aussteller wieder das Vor-Corona-Niveau erreichte und sich dieses Jahr auf 185 Aussteller beläuft, erreiche die chinesische Beteiligung in diesem Jahr mit 438 Ausstellern sogar ein Allzeithoch.